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Tagesausgabe

Die untote RAF: Ein Urteil und seine Schatten

Das Urteil gegen Klette wirft Fragen über die Untoten der RAF auf. Wie beeinflussen vergangene Taten die Gegenwart und welche Sichtweisen bleiben unberücksichtigt?

Lisa Müller··2 Min. Lesezeit

Das Urteil gegen den ehemaligen RAF-Aktivisten Klette hat in der Gesellschaft eine Welle von Diskussionen ausgelöst. Viele fragen sich, ob die öffentliche Auseinandersetzung mit der Rote Armee Fraktion (RAF) tatsächlich abgeschlossen ist oder ob sie wie ein untoter Schatten über den deutschen Geschichtsbüchern schwebt. Klette, der als Mitwisser und Unterstützer der kriminellen Aktivitäten der RAF gilt, hat mit seinem Prozess nicht nur sein eigenes Schicksal verhandelt, sondern auch das der gesamten Bewegung, deren Taten längst in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Wie viel Verantwortung trägt jemand, der in den 70ern Teil dieser Bewegung war, und was sagt das über unseren Umgang mit der Vergangenheit aus?

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die Aufarbeitung der RAF-Vergangenheit notwendigen Raum für die Gesellschaft schaffen könnte, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Aber was passiert mit den Stimmen derer, die durch diese Taten verletzt wurden? Sie werden oft übersehen, während die juristische Aufarbeitung im Vordergrund steht. Auch wird die Frage laut, ob ein Urteil gegen einen Einzelnen wirklich die größeren gesellschaftlichen Probleme, die die RAF verkörperte, adressiert. Was bedeutet es, wenn der Staat sich um solche Figuren kümmert, während die Opfer fernab der Bildschirme bleiben?

Erstaunlicherweise wird in der öffentlichen Diskussion häufig ausgeblendet, dass die RAF nicht nur eine Geschichte des Terrors, sondern auch der Ideologie war. Ihre Bewegung entsprach einem tief sitzenden Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Establishment, ein Gefühl, das – obwohl in anderer Form – auch in der heutigen Gesellschaft wieder zu finden ist. Kann man also tatsächlich die Taten von Einzelnen isoliert betrachten, ohne in den gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit einzutauchen?

Das Urteil gegen Klette stellt auch die Frage nach der Strafe für Taten, die längst in der Vergangenheit liegen. Ist es gerecht, jemand für ein Vergehen zu verurteilen, das in einer Zeit begangen wurde, in der der gesellschaftliche Konsens völlig anders war? Oder ist es ein Versuch des Staates, sein eigenes Bild zu polieren und das Gefühl von Kontrolle und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, während die realen, tiefgründigen Probleme nicht angesprochen werden? Wie viel von der kollektiven Schuld wird tatsächlich abgeladen, wenn ein Einzelner für die Untaten einer ganzen Bewegung zur Verantwortung gezogen wird?

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Diskussion um die RAF und ihre Nachwirkungen in den kommenden Jahren entwickeln wird. Die Untoten der RAF scheinen nicht so leicht zu sterben, wie viele es sich wünschen. Anstatt sie zu verjagen, könnte es sich als weitaus fruchtbarer erweisen, sich mit dem, was sie hinterlassen haben, auseinanderzusetzen und die Stimmen derer zu hören, die unter ihren Taten leiden mussten. Nur so könnte ein wahrhaftiger Dialog über die Schatten der Vergangenheit entstehen, der vielleicht auch zu einer heilsamen Aufarbeitung führen könnte.